Menschenmenge, in der sich jemand einsam fühlen kann

Eine volle Kontaktliste und ein aktives soziales Wochenende schließen ein anhaltendes Gefühl von Einsamkeit nicht aus. Das liegt daran, dass Einsamkeit in der Forschung seit den 1970er-Jahren in zwei unterschiedliche Formen unterteilt wird, die auf unterschiedliche Bedürfnisse reagieren: eine, die mit Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu tun hat, und eine, die mit einer einzelnen, tiefen Bindung zu tun hat. Beide Formen lassen sich kaum gegenseitig ausgleichen.

Kurz zusammengefasst

  • Der Soziologe Robert Weiss unterschied 1973 als Erster systematisch zwischen sozialer und emotionaler Einsamkeit.
  • Soziale Einsamkeit entsteht durch das Fehlen eines Netzwerks oder einer Gruppenzugehörigkeit.
  • Emotionale Einsamkeit entsteht durch das Fehlen einer einzelnen, engen, verlässlichen Bindung, unabhängig von der Größe des Umfelds.
  • Weiss‘ Unterscheidung wurde später empirisch überprüft, unter anderem 1984 von Russell, Cutrona, Rose und Yurko, und gilt seither als gut repliziert.
  • Mehr Kontakte lindern vor allem soziale Einsamkeit, gegen emotionale Einsamkeit helfen sie kaum.

Was Weiss unterschieden hat, und warum das bis heute zutrifft

Der Soziologe Robert S. Weiss beschrieb 1973 in seinem Buch Loneliness: The Experience of Emotional and Social Isolation, dass Einsamkeit nicht eine einzige Erfahrung ist, sondern auf zwei unterschiedliche fehlende Bedürfnisse zurückgeht. Soziale Einsamkeit beschreibt das Fehlen eines Netzwerks, eines Gruppengefühls, einer Gemeinschaft, die einen als Teil von sich wahrnimmt. Emotionale Einsamkeit beschreibt das Fehlen einer einzelnen engen Bindung, einer Person, bei der man sich sicher und verstanden fühlt.

Diese Unterscheidung war zunächst eine theoretische Beobachtung. Sie wurde 1984 von Dan Russell, Carolyn Cutrona, Jayne Rose und Karen Yurko im Journal of Personality and Social Psychology empirisch überprüft und bestätigt, seither mehrfach repliziert, unter anderem in einer Neubewertung von Enrico DiTommaso und Brian Spinner 1997.

Warum beide Formen nicht austauschbar sind

Weil soziale und emotionale Einsamkeit auf unterschiedliche Bedürfnisse zurückgehen, gleicht ein Zugewinn in der einen Kategorie den Mangel in der anderen kaum aus. Zehn weitere Bekanntschaften verändern wenig an emotionaler Einsamkeit, wenn keine dieser Bekanntschaften die Rolle einer engen Bindung übernimmt. Umgekehrt lindert eine einzelne enge Freundschaft wenig an sozialer Einsamkeit, wenn insgesamt keine Gruppenzugehörigkeit besteht.

Ein volles soziales Umfeld schützt nicht automatisch vor Einsamkeit, wenn die vorhandenen Kontakte überwiegend die soziale, nicht die emotionale Seite bedienen. Beide Formen wurden in der Forschung seit Weiss (1973) als unterschiedliche, nur bedingt austauschbare Bedürfnisse beschrieben.

Das erklärt eine Erfahrung, die vielen bekannt vorkommt: nach einem geselligen Abend mit vielen Menschen trotzdem mit einem unveränderten Grundgefühl nach Hause zu gehen. Wenn der eigentliche Mangel emotional ist, verändert ein weiterer sozialer Anlass daran wenig, unabhängig davon, wie angenehm der Abend war.

Warum der Ratschlag, mehr unter Menschen zu gehen, oft ins Leere läuft

Der verbreitete Ratschlag gegen Einsamkeit, aktiver zu werden und mehr Kontakte zu knüpfen, adressiert vor allem die soziale Seite. Bei emotionaler Einsamkeit trifft er das eigentliche Problem nicht, weil dort nicht die Anzahl an Kontakten fehlt, sondern die Tiefe innerhalb eines bestehenden oder neuen Kontakts. Wer diesen Unterschied nicht kennt, probiert häufig genau die Lösung, die für die eigene Form der Einsamkeit am wenigsten wirksam ist, und schließt daraus fälschlicherweise, dass gegen das eigene Gefühl grundsätzlich nichts hilft.

Wie sich unterscheiden lässt, welche Form vorliegt

Es gibt keinen standardisierten Kurztest, der sich seriös in einem Artikel wiedergeben lässt, für eine erste Einschätzung hilft aber eine gedankliche Probe: Würde eine weitere lockere Bekanntschaft oder eine weitere Gruppe das eigene Grundgefühl verändern? Wenn ja, spricht das eher für eine soziale Komponente. Bleibt das Gefühl „ich hätte trotzdem niemanden, dem ich wirklich alles erzählen kann“ bestehen, spricht das eher für eine emotionale Komponente. Bei den meisten Menschen liegt eine Mischung vor, häufig überwiegt jedoch eine Seite deutlich.
Wenn eher die Tiefe fehlt als die Zahl der Kontakte, lohnt sich auch ein Blick darauf, wie du selbst mit Nähe umgehst. Unser kostenloser Bindungstyp-Test für Freundschaften gibt dazu eine erste Orientierung.

Was gegen die jeweilige Form konkret hilft

Bei überwiegend emotionaler Einsamkeit ist der wirksamere Hebel Tiefe in einer bereits bestehenden Verbindung, nicht mehr Reichweite. Forschung zu Selbstoffenbarung, unter anderem von Susan Sprecher und Kolleg:innen, zeigt einen Zusammenhang zwischen schrittweisem, gegenseitigem Teilen persönlicherer Informationen und zunehmender Nähe. Konkret heißt das: bei einem bestehenden Kontakt bewusst eine Ebene tiefer gehen als im bisherigen Gesprächsmuster üblich, statt eine neue Bekanntschaft hinzuzufügen.

Bei überwiegend sozialer Einsamkeit ist eine wiederkehrende Struktur wirksamer als einzelne größere Events, ein fester Kurs, ein Verein, ein regelmäßiges Format am selben Ort mit denselben Menschen, weil Zugehörigkeit eher durch Wiederholung entsteht als durch einmalige Größe.

Wo Helpcity ansetzt

Helpcity ist in erster Linie auf die emotionale Seite ausgelegt, auf das Finden einer Person mit einem ähnlichen Thema, mit der von Anfang an eine tiefere Gesprächsebene möglich ist, statt einer weiteren oberflächlichen Bekanntschaft. Für die soziale Seite, feste Gruppenzugehörigkeit an einem festen Ort, ist ein Verein oder ein wiederkehrendes lokales Angebot der naheliegendere Weg. Das ehrlich zu trennen ist wichtiger, als eine App als Lösung für beide Bedürfnisse gleichzeitig darzustellen.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen sozialer und emotionaler Einsamkeit?

Soziale Einsamkeit entsteht durch das Fehlen eines Netzwerks oder einer Gruppenzugehörigkeit. Emotionale Einsamkeit entsteht durch das Fehlen einer einzelnen engen, verlässlichen Bindung. Die Unterscheidung geht auf Robert Weiss (1973) zurück und wurde seither mehrfach empirisch bestätigt.

Kann man sich einsam fühlen, obwohl man viele Freunde hat?

Ja, wenn die vorhandenen Kontakte überwiegend die soziale Seite bedienen, aber keine tiefe, verlässliche Bindung darunter ist. Beide Formen der Einsamkeit werden in der Forschung als weitgehend unabhängig voneinander beschrieben.

Hilft es gegen Einsamkeit, mehr unter Leute zu gehen?

Gegen soziale Einsamkeit ja, gegen emotionale Einsamkeit meist nicht, weil dort nicht die Kontaktzahl das fehlende Element ist, sondern die Tiefe innerhalb eines Kontakts.

Woher weiß ich, welche Art von Einsamkeit ich habe?

Eine erste Orientierung bietet die Frage, ob eine weitere lockere Bekanntschaft oder Gruppe etwas am eigenen Grundgefühl ändern würde. Ein verlässlicher psychologischer Test lässt sich daraus aber nicht ableiten, bei anhaltender starker Belastung ist eine Fachperson die bessere Anlaufstelle.

Ist die Unterscheidung zwischen sozialer und emotionaler Einsamkeit wissenschaftlich anerkannt?

Ja, sie wurde nach ihrer ursprünglichen Formulierung 1973 unter anderem 1984 von Russell, Cutrona, Rose und Yurko empirisch getestet und danach mehrfach repliziert.

Kann eine einzelne enge Freundschaft soziale Einsamkeit beheben?

Nur begrenzt, da soziale Einsamkeit stärker mit dem Fehlen einer Gruppenzugehörigkeit zusammenhängt als mit dem Fehlen einer einzelnen Bindung.

Zum Schluss

Wer sich trotz eines aktiven sozialen Umfelds einsam fühlt, testet oft unbewusst die falsche Lösung für die eigene Form von Einsamkeit. Die Unterscheidung zwischen sozialer und emotionaler Einsamkeit hilft dabei, die eigene Energie dort einzusetzen, wo sie tatsächlich wirkt, in mehr Tiefe bei bestehenden Kontakten oder in mehr wiederkehrender Gruppenzugehörigkeit, je nachdem, welche Seite tatsächlich fehlt.

Weiterlesen


Quellen
Weiss, R. S. (1973). Loneliness: The Experience of Emotional and Social Isolation. MIT Press.
Russell, D., Cutrona, C. E., Rose, J., & Yurko, K. (1984). Social and emotional loneliness: An examination of Weiss’s typology of loneliness. Journal of Personality and Social Psychology, 46(6), 1313–1321.
DiTommaso, E., & Spinner, B. (1997). Social and emotional loneliness: A re-examination of Weiss‘ typology of loneliness. Personality and Individual Differences, 22(3), 417–427.

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