Frau sitzt am Tisch und schaut auf ihr Handy

Eine einseitige Freundschaft fühlt sich oft erst einmal schwer einzuordnen an: Du meldest dich immer zuerst, schlägst Treffen vor und fragst nach, wie es der anderen Person geht. Gleichzeitig fragst du dich, ob du zu viel erwartest oder ob die Freundschaft tatsächlich nur noch von dir getragen wird.

Das Wichtigste in Kürze

Eine Untersuchung von Almaatouq und Kolleg:innen (2016) mit 84 Studierenden fand, dass 94 Prozent der Befragten ihre Freundschaftsnennung für erwidert hielten, tatsächlich war das bei 53 Prozent der Fall. Gleichzeitig zeigen 13 präregistrierte Experimente von Liu und Kolleg:innen (2023) mit knapp 6.000 Teilnehmenden, dass Menschen unterschätzen, wie sehr ein unerwartetes Sich-Melden geschätzt wird. Beides zusammen heißt: Ungleiche Initiative ist ein schlechtes Einzelkriterium. Aussagekräftiger ist, was passiert, wenn du konkret wirst.

Was Einseitigkeit ist und was nur ungleiche Rollenverteilung

In vielen Freundschaften gibt es eine Person, die organisiert. Sie schlägt Termine vor, erinnert an Geburtstage, hält die Gruppe zusammen. Das ist eine Rollenverteilung und noch kein Ungleichgewicht in der Zuneigung. Problematisch wird es an einer anderen Stelle: wenn die investierte Zeit und Aufmerksamkeit dauerhaft nur in eine Richtung fließt und die andere Seite auch dann nichts beiträgt, wenn es konkret wird.

Ein brauchbarer Trennstrich verläuft zwischen Initiative und Reaktion. Wer selten von sich aus schreibt, aber zusagt, Termine einhält, im Gespräch präsent ist und sich meldet, wenn etwas ansteht, verhält sich anders als jemand, der regelmäßig absagt, ausweicht oder nur dann auftaucht, wenn er etwas braucht.

Warum Gegenseitigkeit seltener ist, als die meisten annehmen

Abdullah Almaatouq und Kolleg:innen veröffentlichten 2016 in PLOS ONE eine Untersuchung zur Gegenseitigkeit von Freundschaften. 84 Studierende eines gemeinsamen Kurses bewerteten alle anderen Teilnehmenden auf einer Skala von 0 (kenne ich nicht) bis 5 (eine meiner engsten Freundschaften), wobei 3 für Freundschaft stand. Zusätzlich sollten sie angeben, wie die anderen sie vermutlich einschätzen würden.

94 Prozent der abgegebenen Freundschaftsnennungen wurden von den Nennenden als gegenseitig erwartet. Tatsächlich erwidert wurden 53 Prozent. Die Autor:innen schlossen daraus, dass Menschen die Gegenseitigkeit ihrer Beziehungen schlecht einschätzen.

Diese Zahl kursiert seit Jahren in der Fassung, dass einen nur die Hälfte der eigenen Freunde möge. Das steht so nicht in der Studie. Untersucht wurde, wen jemand als Freund benennt, nicht wen er mag, und beides ist nicht dasselbe. Dazu kommen 84 Personen in einem geschlossenen Kursnetzwerk, in dem viele Nennungen eher Bekanntschaften betreffen. Als Beleg dafür, dass Asymmetrie ein Normalfall und kein persönliches Versagen ist, taugt der Befund. Als Maßstab für die eigenen engen Freundschaften taugt er nicht.

Einseitige Freundschaft erkennen: Warum du dich immer zuerst meldest, was hinter fehlender Initiative stecken kann und wann du handeln solltest.

Der zweite Befund geht in die andere Richtung. Peggy Liu, SoYon Rim, Lauren Min und Kate Min veröffentlichten 2023 im Journal of Personality and Social Psychology eine Reihe von 13 präregistrierten Experimenten mit knapp 6.000 Teilnehmenden. Die Teilnehmenden wurden entweder der Rolle zugeteilt, sich bei jemandem zu melden, oder der Rolle, angeschrieben zu werden.

Wer sich meldete, unterschätzte durchgehend, wie sehr die andere Seite das schätzte. Der Effekt war größer, je überraschender der Kontakt kam und je größer die soziale Distanz war. Das galt für kurze Nachrichten ebenso wie für kleine Aufmerksamkeiten.

Die Studien sagen nichts darüber, warum sich jemand nicht meldet. Sie zeigen aber, dass die Hemmschwelle auf beiden Seiten liegt und dass die Deutung „wenn ich mich nicht melde, meldet sich niemand, also bin ich denen egal“ auf einer Fehleinschätzung beruhen kann. In dieselbe Richtung geht der Liking Gap, also die Neigung, die eigene Wirkung auf andere zu unterschätzen.

Der Test, der mehr aussagt als Nachrichten zählen

Eine Bilanz darüber zu führen, wer wie oft geschrieben hat, führt selten zu einem brauchbaren Ergebnis, weil Schreibgewohnheiten stark variieren. Drei Beobachtungen sind aussagekräftiger.

Erstens: Was passiert, wenn du konkret wirst? Ein offenes „wir müssen mal wieder“ lässt sich leicht ignorieren. Ein Vorschlag mit Tag, Uhrzeit und Ort zwingt zu einer Antwort. Wer dreimal hintereinander ohne Gegenvorschlag absagt, hat damit geantwortet.

Zweitens: Wie ist es, wenn ihr euch seht? Manche Menschen sind schlecht im Kontakt halten und trotzdem voll da, sobald sie jemanden vor sich haben. Das ist etwas anderes als jemand, der zwar kommt, aber nur über sich spricht.

Drittens: Was passiert, wenn du eine Weile nichts tust? Das ist ein unangenehmer, aber klarer Test. Wenn über Monate nichts kommt, weißt du mehr als nach jeder weiteren Analyse des Chatverlaufs. Hilfreich ist dabei, das nicht als Strafe oder Probe anzulegen, sondern als schlichte Beobachtung.

Wenn die Freundschaft tatsächlich einseitig ist

Dann gibt es zwei brauchbare Wege. Der eine ist, es anzusprechen, und zwar an einem konkreten Beispiel statt als Vorwurf über den Charakter der anderen Person. Der andere ist, die Freundschaft in eine andere Kategorie zu verschieben, statt sie zu beenden: weniger Erwartung, weniger Initiative, und das freiwerdende Gewicht auf Kontakte legen, bei denen etwas zurückkommt.

Der zweite Weg ist häufiger der realistische, weil viele Erwachsenenfreundschaften ohnehin ohne Bruch einschlafen. Wichtig ist dabei nur, das bewusst zu tun. Wer jahrelang Initiative in eine Richtung investiert, in der nichts zurückkommt, hat diese Zeit nicht mehr für Freundschaften, die sich entwickeln könnten, und Zeit ist in Erwachsenenfreundschaften die knappe Größe. Wie viel davon nötig ist, steht in Wie lange dauert es, aus einem Bekannten einen Freund zu machen.

Wenn alle Kontakte sich einseitig anfühlen

Betrifft das Gefühl nicht eine einzelne Freundschaft, sondern alle, ist die Frage eine andere. Dann geht es weniger um die Auswahl der Personen als um die Struktur des eigenen Umfelds: zu wenige wiederkehrende Gelegenheiten, in denen sich Kontakte vertiefen können. Dazu passen die Artikel zu keinen Freunden und zu Freunden finden ab 30.

Helpcity ist für den Teil gebaut, an dem es dabei oft hakt: den ersten Kontakt. Der Einstieg ist kein Profilbild, sondern ein Inserat mit deinen Themen, Herausforderungen und Interessen und einem Freitext dazu, was dich gerade beschäftigt. Wer dir schreibt, weiß vorher, worum es geht. Was danach kommt, die gemeinsamen Stunden, bleibt Arbeit.

Häufige Fragen

Woran erkenne ich eine einseitige Freundschaft?

Nicht daran, wer häufiger schreibt, sondern daran, was passiert, wenn du konkret wirst. Wenn konkrete Vorschläge wiederholt ohne Gegenvorschlag abgelehnt werden, die andere Person im Kontakt wenig präsent ist und sich nur meldet, wenn sie etwas braucht, spricht das für ein echtes Ungleichgewicht.

Stimmt es, dass die Hälfte der eigenen Freunde einen nicht als Freund sieht?

So verkürzt nicht. In der Untersuchung von Almaatouq und Kolleg:innen (2016) erwiderten 53 Prozent der Nennungen unter 84 Studierenden eines Kurses. Gemessen wurde, wen jemand als Freund benennt, nicht wen er mag, und die Stichprobe war klein und geschlossen. Der Befund zeigt, dass Asymmetrie verbreitet ist, nicht dass die Hälfte der eigenen Freundschaften wertlos wäre.

Soll ich ansprechen, dass sich immer nur ich melde?

Das kann sinnvoll sein, wenn es an einem konkreten Beispiel festgemacht wird statt als allgemeiner Vorwurf. Hilfreich ist die Einordnung aus der Forschung von Liu und Kolleg:innen (2023): Wer sich meldet, unterschätzt, wie sehr das geschätzt wird. Es ist also gut möglich, dass die andere Seite dieselbe Hemmung hat und nicht desinteressiert ist.

Wie lange sollte man eine einseitige Freundschaft aufrechterhalten?

Dafür gibt es keine belastbare Zahl. Brauchbarer als eine Frist ist die Frage, wofür die Zeit sonst zur Verfügung stünde. Eine Freundschaft im Erwachsenenalter braucht nach Halls Richtwerten (2019) größenordnungsmäßig 80 bis 100 gemeinsame Stunden, und diese Stunden sind begrenzt.

Quellen

  • Almaatouq, A., Radaelli, L., Pentland, A., & Shmueli, E. (2016). Are You Your Friends‘ Friend? Poor Perception of Friendship Ties Limits the Ability to Promote Behavioral Change. PLOS ONE, 11(3), e0151588. Stichprobe: 84 Studierende eines gemeinsamen Kurses.
  • Liu, P. J., Rim, S., Min, L., & Min, K. E. (2023). The Surprise of Reaching Out: Appreciated More than We Think. Journal of Personality and Social Psychology, 124(4), 754–771. 13 präregistrierte Experimente mit knapp 6.000 Teilnehmenden.
  • Hall, J. A. (2019). How many hours does it take to make a friend? Journal of Social and Personal Relationships, 36(4), 1278–1296.

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