
Wer neu in einer Stadt ist, bekommt schnell Ratschläge: Tritt einem Verein bei, geh zum Sport, sprich Kolleginnen an, probier eine App. Die Liste ist selten das Problem. Das Problem taucht später auf, wenn nach einigen Monaten ein Dutzend nette Bekanntschaften existieren und trotzdem niemand da ist, den man spontan fragen würde, ob er mitkommt. Der Engpass liegt nicht bei der Zahl der Gelegenheiten, sondern bei der Wiederholung: wie oft du dieselben Menschen wiedersiehst.
Das Wichtigste in Kürze
Freundschaften entstehen vor allem über gemeinsam verbrachte Zeit, und Erwachsene brauchen davon deutlich mehr als Studierende. In der bislang bekanntesten Untersuchung dazu kamen Erwachsene nach einem Umzug erst nach rund 94 gemeinsamen Stunden zu einer lockeren Freundschaft. Daraus folgt eine Auswahlregel: Aktivitäten, bei denen du regelmäßig auf dieselben Gesichter triffst, bringen mehr als viele einmalige Veranstaltungen. Entscheidend ist aber nicht die Aktivität selbst, sondern die unverplante Zeit, die daneben entsteht. Der zweite Kontakt ist wichtiger als der erste, und die Sorge, dabei aufdringlich zu wirken, ist meistens unbegründet.
Wie lange es tatsächlich dauert
Die meiste Orientierung zu dieser Frage stammt aus einer Untersuchung des Kommunikationswissenschaftlers Jeffrey Hall, veröffentlicht 2019 im Journal of Social and Personal Relationships. Hall befragte in der ersten Studie 355 US-Erwachsene, die innerhalb der vorangegangenen sechs Monate mindestens 50 Meilen weit umgezogen waren, und in der zweiten Studie 112 Erstsemester über neun Wochen hinweg.
Die Zahl, die daraus im Netz zirkuliert, lautet meist 50 Stunden bis zur lockeren Freundschaft. Für die Gruppe, die hier gemeint ist, stimmt sie nicht. Bei den Studierenden lag der Wert bei rund 43 Stunden, bei den umgezogenen Erwachsenen bei rund 94 Stunden. Bis zur Stufe „Freundschaft“ brauchten Studierende weitere 57 Stunden, Erwachsene rund 164.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Die Stichproben waren US-amerikanisch, die Zeitangaben beruhten auf Selbsteinschätzung, und die Schwellenwerte sind Schätzungen aus Zusammenhängen, keine Naturkonstanten. Niemand wird nach Stunde 165 automatisch zum Freund. Was die Zahlen liefern, ist ein Maßstab: Zwei Kaffeetreffen sind etwa vier Stunden. Wer danach das Gefühl hat, es sei nichts entstanden, bewertet einen Prozess nach fünf Prozent seiner üblichen Dauer.
Ein zweiter Befund aus derselben Untersuchung ist noch nützlicher, weil er sagt, welche Stunden zählen. Gemeinsame Zeit an der Arbeit oder in der Uni ging nicht mit größerer Nähe einher. Das erklärt eine verbreitete Enttäuschung nach einem Jobwechsel: Man verbringt vierzig Stunden pro Woche mit denselben Menschen und ist ihnen nach einem halben Jahr trotzdem kaum näher.
Überraschender ist, was ebenfalls nicht half. Gemeinsame strukturierte Aktivitäten, also Sport, Reisen, Feiern oder der Beitritt zu Gruppen und Teams, bewegten in Halls Daten die Nähe nicht messbar. Was damit einherging, war unstrukturierte Zeit: abhängen, nichts Bestimmtes tun, bei Erwachsenen auch Filme schauen oder zusammen spielen. Das ist ein unbequemes Ergebnis für jeden Ratgeber, der mit „tritt einem Verein bei“ endet.
Warum Wiederholung mehr bringt als Vielfalt
Wenn Zeit die knappe Ressource ist, dann ist die entscheidende Frage bei jeder Aktivität nicht, wie interessant sie klingt, sondern wie viele Stunden sie mit denselben Menschen erzeugt.
Ein Feldexperiment von Richard Moreland und Scott Beach aus dem Jahr 1992 zeigt, wie wenig dafür nötig ist. Vier Frauen ähnlichen Aussehens besuchten eine Lehrveranstaltung unterschiedlich oft, nämlich null, fünf, zehn oder fünfzehn Mal, und sprachen dabei mit niemandem. Am Ende des Semesters bewerteten die 130 Studierenden Fotos der vier. Je häufiger eine Frau anwesend gewesen war, desto sympathischer und desto ähnlicher wurde sie eingeschätzt, ohne dass ein einziges Wort gefallen war. Interessanterweise fühlten die Studierenden sich ihr dabei kaum bewusst vertrauter.
Die Studie ist klein und stammt aus einem Hörsaal, ihre Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf jede Alltagssituation übertragen. Als Auswahlkriterium ist der Gedanke trotzdem brauchbar: Formate mit fester Gruppe und festem Termin erzeugen Wiedererkennung, bevor überhaupt ein Gespräch stattfindet. Ein wöchentlicher Kurs, eine Laufgruppe, ein Chor, ein Stammtisch, eine Ehrenamtsschicht. Große Netzwerkabende und wechselnde Veranstaltungen erzeugen dagegen viele erste Gespräche und wenige zweite.
Zusammen mit dem Befund aus dem vorigen Abschnitt ergibt das eine präzisere Empfehlung, als sie in den üblichen Listen steht. Die feste Gruppe ist der Zugang, nicht das Ziel. Sie sorgt dafür, dass du dieselben Menschen regelmäßig siehst, aber die Aktivität selbst hat in Halls Daten die Nähe nicht vorangebracht. Was sie vorangebracht hat, war die unstrukturierte Zeit daneben: der Weg nach Hause, das Bier danach, der freie Samstag. Wer den wöchentlichen Kurs besucht und nach neunzig Minuten sofort geht, sammelt kaum von den Stunden, auf die es ankommt.
Praktisch heißt das: lieber zwei wiederkehrende Formate mit denselben Gesichtern als fünf verschiedene Gelegenheiten pro Monat, und in beiden Formaten aktiv den Übergang zu etwas Unverplantem suchen.
Der zweite Kontakt ist der eigentliche Schritt
Die Stelle, an der es nach einem Umzug am häufigsten hängen bleibt, ist nicht das Kennenlernen, sondern der Übergang von der Begegnung im Kurs zur Verabredung außerhalb davon. Diesen Schritt muss in der Regel jemand aktiv machen, und wer neu ist, wartet meistens darauf, dass es die anderen tun.
Ein häufiger Grund dafür ist eine Fehleinschätzung, die gut untersucht ist. Erica Boothby und Kolleginnen zeigten 2018 in Psychological Science über mehrere Studien hinweg, dass Menschen nach Gesprächen unterschätzen, wie sehr ihr Gegenüber sie mochte und das Gespräch genossen hat. Die Forschenden nennen das die Liking Gap. Ein Teil der Erklärung: Wer aus einem Gespräch kommt, bewertet vor allem die eigene Leistung kritisch und überträgt dieses Urteil auf die andere Person, während er die Signale übersieht, die tatsächlich Sympathie anzeigen.
Praktisch heißt das: Die Einschätzung „die fand mich wahrscheinlich anstrengend“ ist als Entscheidungsgrundlage unbrauchbar. Sinnvoll ist es, den zweiten Kontakt an etwas Konkretes zu binden, das im Gespräch ohnehin vorkam, und einen Vorschlag zu machen statt einer offenen Frage. Nicht „wir müssen mal was machen“, sondern eine Zeit, ein Ort, eine Sache.
Es gilt auch die Gegenrichtung: Andere Neuzugezogene warten aus demselben Grund. In den ersten Monaten in einer Stadt ist der Anteil derer, die ebenfalls Anschluss suchen, ungewöhnlich hoch.
Welche Wege infrage kommen
Die üblichen Wege lassen sich danach sortieren, wie viel wiederkehrende Zeit sie erzeugen.
Feste Kurse und Gruppen erzeugen viel Wiederholung, brauchen aber Vorlauf und binden dich an ein Thema. Vereine und Ehrenamt liegen ähnlich, mit dem Zusatz, dass gemeinsame Aufgaben Gespräche leichter machen als reines Beisammensein. Nachbarschaftsplattformen funktionieren gut für praktische Anlässe und lokale Gruppen, weniger für persönliche Nähe. Veranstaltungsapps bringen dich schnell zu Terminen, allerdings oft mit wechselnden Teilnehmenden, was den Wiederholungseffekt schwächt. Kolleginnen und Kollegen sind naheliegend, aber wie die Hall-Daten nahelegen, zählt gemeinsame Arbeitszeit kaum, solange nichts außerhalb davon stattfindet.
Apps, die auf Freundschaft statt auf Dating ausgerichtet sind, decken einen anderen Bedarf ab: den Einstieg in ein Gespräch, wenn es im Alltag gerade keine Gelegenheit dafür gibt. Helpcity gehört in diese Kategorie. Statt eines öffentlichen Feeds steht dort ein Inserat im Mittelpunkt, in dem Menschen angeben, welche Themen und Situationen sie gerade beschäftigen und ob sie sich austauschen oder helfen möchten. Profile werden bevorzugt nach thematischer und örtlicher Nähe angezeigt, was nach einem Umzug relevant ist, weil sich damit gezielt Menschen in der neuen Umgebung finden lassen. Was ein solcher Weg leistet, ist der erste Kontakt. Die gemeinsamen Stunden, um die es oben ging, entstehen danach.
Wenn es länger dauert als erwartet
Ein Jahr ist keine ungewöhnliche Dauer, bis sich in einer neuen Stadt etwas gefestigt hat, und ein Gefühl von Einsamkeit in dieser Phase ist verbreiteter, als es von außen wirkt. Das Einsamkeitsbarometer 2024 des Bundesfamilienministeriums, das repräsentative Daten des Sozio-oekonomischen Panels auswertet, weist für 2021 bei den 18- bis 29-Jährigen mit 14,1 Prozent die höchste Einsamkeitsbelastung aller Altersgruppen aus. Das Jahr war pandemiegeprägt, die Zahl ist entsprechend nach oben verzerrt. In einer repräsentativen Befragung der Bertelsmann Stiftung vom März 2024 unter 2.532 Menschen zwischen 16 und 30 Jahren gaben 46 Prozent an, sich einsam zu fühlen, davon rund 10 Prozent stark. Die beiden Zahlen messen Unterschiedliches und sind nicht direkt vergleichbar, aber sie zeigen in dieselbe Richtung.
Etwas anderes ist es, wenn der Zustand über Monate anhält und dabei Antrieb, Schlaf oder Alltagsfunktionen leiden. Dann geht es nicht mehr um Umzugslogistik, und ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung ist der passendere Weg.
Wenn es dir weniger um den Ortswechsel geht als um den Ablauf an sich, also darum, wie aus einer Bekanntschaft eine Verabredung wird, findest du das ausführlich auf Wie finde ich neue Freunde?
Häufige Fragen
Wie lange dauert es, in einer neuen Stadt Freunde zu finden?
Nach den Daten von Jeffrey Hall (2019) brauchten umgezogene Erwachsene rund 94 gemeinsame Stunden bis zur lockeren Freundschaft und rund 164 bis zur Freundschaft. Bei zwei bis drei Stunden pro Woche mit derselben Person sind das mehrere Monate. Die Zahlen sind Schätzungen aus einer US-Stichprobe und keine festen Schwellen.
Zählt gemeinsame Arbeitszeit?
Kaum. In Halls Untersuchung ging gemeinsame Zeit an der Arbeit oder in der Uni nicht mit größerer Nähe einher. Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen entwickelt sich in der Regel erst weiter, wenn unverplante Zeit außerhalb der Arbeit dazukommt.
Wirke ich aufdringlich, wenn ich mich nach einem ersten Treffen melde?
Die Studien zur Liking Gap (Boothby et al., 2018) zeigen, dass Menschen nach Gesprächen systematisch unterschätzen, wie positiv das Gegenüber sie wahrgenommen hat. Die eigene Sorge ist deshalb kein verlässlicher Hinweis darauf, wie die Meldung tatsächlich ankommt.
Was ist besser: viele Veranstaltungen oder wenige feste Gruppen?
Wenige feste Gruppen. Entscheidend sind gemeinsame Stunden mit denselben Menschen, und die entstehen bei wiederkehrenden Formaten schneller als bei wechselnden Veranstaltungen.
Bin ich mit über 30 zu spät dran?
Nein, aber der Zeitaufwand ist höher als in Studienzeiten, weil der Alltag weniger unstrukturierte gemeinsame Stunden liefert. Genau deshalb funktioniert Planung besser als Spontaneität.
Was sich aus den Befunden ableiten lässt, ist unspektakulär: Freundschaft nach einem Umzug ist eine Frage von Terminen. Nicht von Chemie, nicht von Glück, und nicht von der Zahl der Menschen, die man kennenlernt.
Quellen
- Hall, J. A. (2019). How many hours does it take to make a friend? Journal of Social and Personal Relationships, 36(4), 1278–1296.
- Newman, K. M. (2018). How Long Does It Take to Make a Friend? Greater Good Magazine, Greater Good Science Center, University of California, Berkeley.
- Moreland, R. L., & Beach, S. R. (1992). Exposure effects in the classroom: The development of affinity among students. Journal of Experimental Social Psychology, 28(3), 255–276.
- Boothby, E. J., Cooney, G., Sandstrom, G. M., & Clark, M. S. (2018). The liking gap in conversations: Do people like us more than we think? Psychological Science, 29(11), 1742–1756.
- Kompetenznetz Einsamkeit am ISS e. V. im Auftrag des BMFSFJ (2024). Einsamkeitsbarometer 2024.
- Bertelsmann Stiftung (2024). Repräsentative Befragung von 2.532 Personen zwischen 16 und 30 Jahren, März 2024.




