Leere Parkbank zwischen kahlen Bäumen

Es gab keinen Streit, keine Beleidigung, keinen benennbaren Auslöser. Trotzdem meldet man sich irgendwann nicht mehr, und im Nachhinein lässt sich kaum sagen, wann genau das angefangen hat. Das ist der häufigste Weg, wie Erwachsenenfreundschaften enden. Forschung zu sozialen Netzwerken zeigt, dass Freundschaft, anders als Familie oder Partnerschaft, kaum durch äußere Strukturen zusammengehalten wird und deshalb messbar an Nähe verliert, sobald aktiver Kontakt nachlässt.

Kurz zusammengefasst

  • Freundschaften haben, anders als Familie oder Partnerschaft, keine äußeren Strukturen, die Kontakt erzwingen.
  • Eine 18-monatige Studie von Sam Roberts und Robin Dunbar zeigt, dass emotionale Nähe zu Freunden abnimmt, wenn nicht aktiv investiert wird, mit einem interessanten Unterschied: bei Frauen half vor allem Gesprächskontakt, bei Männern vor allem gemeinsame Aktivitäten.
  • Studien zu unerwarteten Kontaktaufnahmen zeigen, dass Menschen, die sich melden, systematisch unterschätzen, wie sehr sich die andere Person darüber freut.
  • Der Effekt ist besonders stark bei loser werdenden Kontakten und unerwarteten Nachrichten.
  • Praktisch lässt sich daraus ableiten, dass eine feste Kontaktfrequenz wirksamer ist als das Warten auf einen passenden Anlass.

Warum Freundschaft ohne aktive Pflege verblasst

Eine Partnerschaft hat oft gemeinsames Wohnen oder gemeinsame Finanzen, Familie hat Feiertage und verwandtschaftliche Verpflichtungen, der Job hat feste Anwesenheit. Freundschaft hat in der Regel nichts davon, sie besteht nur, solange beide Seiten sie aktiv am Leben halten.

Sam Roberts und Robin Dunbar untersuchten in einer 18-monatigen Längsschnittstudie (2011), wie sich persönliche soziale Netzwerke über einen größeren Lebensübergang hinweg verändern. Eine spätere Auswertung derselben Forschungslinie (2015) ging der Frage nach, welche Art von Investition den Rückgang am ehesten aufhält. Ihr zentrales Ergebnis: Die emotionale Nähe zu Freunden nahm ab, wenn nicht aktiv in die Beziehung investiert wurde, wobei sich unterschied, welche Art von Investition am wirksamsten war. Bei Frauen verhinderte vor allem häufigerer Gesprächskontakt den Rückgang an Nähe, bei Männern vor allem gemeinsam verbrachte Aktivitäten.

Freundschaftliche Nähe nimmt Studien zufolge ab, sobald der aktive Kontakt nachlässt, unabhängig davon, wie eng eine Freundschaft vorher war. Anders als bei Familie gibt es bei Freundschaft keine äußere Struktur, die diesen Rückgang von selbst aufhält.

Der stille Wettbewerb im Abwarten

Das Tückische am Verblassen ohne Konflikt ist, dass es häufig auf beiden Seiten gleichzeitig beginnt, aus demselben Grund: Keine Seite möchte aufdringlich wirken, während die eigentliche Pause im Kontakt oft schlicht aus einem vollen Alltag entstanden ist, nicht aus einer bewussten Entscheidung. Aus dieser Konstellation kann über Wochen und Monate ein echtes Ende werden, ohne dass jemand das je so gewollt hätte.

Was die Forschung zu unerwarteten Nachrichten zeigt

Eine Reihe von 13 vorregistrierten Studien mit insgesamt rund 5.900 Teilnehmenden von Peggy Liu, SoYon Rim, Lauren Min und Kate Min, veröffentlicht 2023 im Journal of Personality and Social Psychology, untersuchte, wie gut Menschen einschätzen können, wie sehr sich jemand über eine unerwartete Kontaktaufnahme freut. Das durchgängige Ergebnis: Wer sich meldet, unterschätzt systematisch, wie sehr sich die andere Person darüber freut. Der Effekt zeigte sich sowohl bei kurzen Nachrichten als auch bei kleinen Geschenken, bei engen wie bei losen Kontakten, und er war größer, je überraschender die Kontaktaufnahme war.

Als Mechanismus fanden die Forschenden, dass Empfangende beim Bewerten ihrer eigenen Reaktion stärker auf das Überraschungsmoment achten als sendende Personen das im Vorfeld einkalkulieren. Initiator:innen unterschätzen also nicht, weil die Kontaktaufnahme tatsächlich unerwünscht wäre, sondern weil sie den positiven Effekt der Überraschung selbst zu gering einschätzen.

Was daraus für den Alltag folgt

Aus den beiden Studien lässt sich keine direkt getestete Handlungsanweisung ableiten, wohl aber eine naheliegende Schlussfolgerung von Helpcity: Wer eine Freundschaft aktiv halten will, sollte nicht auf einen besonderen Anlass warten, sondern eine gewisse Regelmäßigkeit im Kontakt herstellen, sei es über Gespräche oder gemeinsame Aktivitäten, je nachdem, was in der jeweiligen Freundschaft bisher besser funktioniert hat.

Bei bereits eingeschlafenen Kontakten spricht die Forschung zu unerwarteten Nachrichten dagegen, das eigene Zögern als verlässliches Signal zu nehmen. Die Sorge, nach längerer Pause aufdringlich oder unpassend zu wirken, ist der Forschung zufolge in den allermeisten Fällen unbegründet.

Wo Helpcity ansetzt

Für neue Verbindungen gilt derselbe Mechanismus wie für bestehende: Ohne eine gewisse Regelmäßigkeit bleibt jede Bekanntschaft in einem frühen Stadium hängen, unabhängig davon, wie gut ein erstes Gespräch verlief. Helpcity kann den ersten Kontakt zwischen Menschen mit ähnlichen Themen erleichtern, die Pflege danach, Gesprächskontakt oder gemeinsame Aktivitäten, liegt bei den beiden Personen selbst.

Häufige Fragen

Warum enden Freundschaften ohne Streit?

Weil Freundschaft, anders als Partnerschaft oder Familie, kaum durch äußere Strukturen zusammengehalten wird. Sinkt der aktive Kontakt, sinkt Studien zufolge auch die emotionale Nähe, ganz ohne Konflikt.

Was hält eine Freundschaft langfristig aktiv?

Laut den Längsschnittstudien von Roberts und Dunbar (2011 und 2015) unterschiedliche Dinge je nach Geschlecht der Untersuchten: bei Frauen vor allem häufigerer Gesprächskontakt, bei Männern vor allem gemeinsam verbrachte Aktivitäten.

Warum melden sich beide Seiten nicht, obwohl beide den Kontakt vermissen?

Weil beide aus Sorge vor Aufdringlichkeit abwarten, eine Dynamik, die auf beiden Seiten gleichzeitig entstehen kann und die Kontaktpause dadurch verlängert.

Wirkt es seltsam, jemanden nach längerer Pause anzuschreiben?

Forschung zu unerwarteten Kontaktaufnahmen zeigt das Gegenteil: Initiator:innen unterschätzen systematisch, wie sehr sich die andere Person über die Nachricht freut, besonders wenn die Kontaktaufnahme überraschend kommt.

Ist der Effekt bei engen und losen Kontakten unterschiedlich stark?

Ja, die Unterschätzung war in der Studie von Liu und Kolleg:innen (2023) tendenziell größer, je unerwarteter oder loser die Beziehung war.

Kann man eine eingeschlafene Freundschaft einfach reaktivieren?

Eine direkte Erfolgsgarantie liefert keine Studie, die Forschung deutet aber darauf hin, dass die verbreitete Sorge, damit unpassend zu wirken, in der Regel größer ist als die tatsächliche negative Reaktion der anderen Person.

Zum Schluss

Freundschaften enden selten mit einem klaren Bruch. Häufiger verlieren sie sich in einer stillen, gegenseitigen Pause, die niemand aktiv entschieden hat. Wer weiß, dass genau dieses Muster typisch und gut belegt ist, kann den ersten Schritt eher machen, auch ohne besonderen Anlass, und mit der begründeten Erwartung, dass er besser ankommt, als es sich im Vorfeld anfühlt.

Weiterlesen


Quellen
Roberts, S. G. B., & Dunbar, R. I. M. (2011). The costs of family and friends: An 18-month longitudinal study of relationship maintenance and decay. Evolution and Human Behavior, 32(3), 186–197.
Roberts, S. G. B., & Dunbar, R. I. M. (2015). Managing relationship decay: Network, gender and contextual effects. Human Nature, 26(4), 426–450.
Liu, P. J., Rim, S., Min, L., & Min, K. E. (2023). The surprise of reaching out: Appreciated more than we think. Journal of Personality and Social Psychology, 124(4), 754–771.

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