Zwei Menschen im Gespräch an einem Tisch

Nach einem Gespräch mit einer neuen Bekanntschaft im Kopf noch einmal durchzugehen, ob man zu viel geredet oder komisch gewirkt hat, ist ein verbreitetes Muster. Eine Forschungsreihe der Psychologin Erica Boothby und Kolleg:innen zeigt, dass dieses Gefühl in aller Regel täuscht: Menschen unterschätzen systematisch, wie sehr ihr Gegenüber sie mag. Das Phänomen trägt einen eigenen Namen, die Liking Gap.

Kurz zusammengefasst

  • Die Liking Gap wurde 2018 von Erica Boothby, Gus Cooney, Gillian Sandstrom und Margaret Clark in Psychological Science beschrieben.
  • In drei unterschiedlichen Szenarien, darunter Fremde im Labor und Studienanfänger:innen im Wohnheim, unterschätzten Teilnehmende durchgängig, wie sehr ihr Gegenüber sie mochte.
  • Bei den Wohnheim-Bewohner:innen hielt der Effekt fast das gesamte akademische Jahr an.
  • Die Studie bezieht sich auf allgemeines Interesse aneinander, nicht auf romantische Anziehung.
  • Praktisch bedeutet das: Die eigene Nachbetrachtung eines Gesprächs ist kein verlässliches Signal dafür, wie es beim Gegenüber ankam.

Was die Studie untersucht hat

Erica Boothby (Cornell University), Gus Cooney (damals Harvard University), Gillian Sandstrom (University of Essex) und Margaret Clark (Yale University) veröffentlichten 2018 in Psychological Science eine Studie mit mehreren Teiluntersuchungen. Sie ließen Fremde im Labor miteinander sprechen, begleiteten Teilnehmende eines Persönlichkeitsentwicklungs-Workshops und verfolgten Studienanfänger:innen, die ein akademisches Jahr lang mit einer zugewiesenen Person das Zimmer teilten.

Nach den jeweiligen Gesprächen oder in wiederholten Befragungen über das Jahr hinweg gaben beide Gesprächsseiten unabhängig voneinander an, wie sehr sie die andere Person mochten und wie sehr sie glaubten, selbst gemocht zu werden.

In allen drei Szenarien unterschätzten Teilnehmende durchgängig, wie sehr ihr Gegenüber sie tatsächlich mochte. Bei den Wohnheim-Bewohner:innen hielt dieser Effekt fast das gesamte akademische Jahr an, bevor er sich gegen Ende anglich.

Warum die Einschätzung so verlässlich danebenliegt

Ein naheliegender Erklärungsansatz aus der Studie: Während eines Gesprächs sind Menschen stark mit ihrer eigenen inneren Bewertung beschäftigt, jedem Zögern, jeder Pause, jedem Satz, der komisch geklungen haben könnte. Diese innere Kritik ist für die andere Person nicht sichtbar. Das Gegenüber bewertet stattdessen das sichtbare Verhalten, Zuhören, Nachfragen, Interesse, und das reicht für einen positiven Gesamteindruck oft aus, selbst wenn sich das Gespräch für eine Seite innerlich holprig angefühlt hat.

Wichtige Einschränkung

Die Studien von Boothby und Kolleg:innen untersuchten allgemeines Interesse daran, jemanden näher kennenzulernen, nicht romantische Anziehung. Über die Fähigkeit, romantisches Interesse einzuschätzen, lässt sich aus dieser Forschung keine Aussage ableiten.

Warum das für neue Bekanntschaften im Erwachsenenalter relevant ist

Die Liking Gap hat eine praktische Folge: Sie erklärt, warum aus einem guten ersten Gespräch oft kein zweites Treffen wird. Wer überzeugt ist, komisch gewirkt zu haben, macht seltener den nächsten Schritt, aus Sorge, der anderen Person zur Last zu fallen. Wenn die andere Person das Gespräch tatsächlich mochte, aber aus derselben Sorge ebenfalls abwartet, bleibt eine Verbindung ungenutzt, obwohl beide Seiten sich gemocht haben.

Was sich daraus konkret ableiten lässt

Aus der Studie selbst folgt keine geprüfte Handlungsanweisung, nur der Befund einer systematischen Fehleinschätzung. Die folgenden Punkte sind naheliegende Schlussfolgerungen von Helpcity aus diesem Befund.

Der eigenen Nachbetrachtung eines Gesprächs sollte grundsätzlich mit Vorsicht begegnet werden, das Gefühl, komisch gewirkt zu haben, ist der Forschung zufolge häufiger falsch als richtig. Ein zweiter Schritt, etwa eine Nachricht mit einem Vorschlag für ein weiteres Treffen, lohnt sich eher, als es sich im Moment anfühlt. Und wo Unsicherheit bleibt, hilft es oft mehr, die eigene positive Einschätzung des Gesprächs direkt auszusprechen, als beide Seiten im eigenen Kopf raten zu lassen.

Wo Helpcity ansetzt

Die Liking Gap trifft genau den Moment, an dem viele neue Verbindungen unnötig abbrechen, direkt nach einem ersten guten Gespräch. Bei einem ersten Gespräch über Helpcity gilt dieselbe Verzerrung wie im echten Leben: Die eigene Unsicherheit danach sagt wenig darüber aus, wie es beim Gegenüber tatsächlich ankam.

Häufige Fragen

Was ist die Liking Gap?

Die systematisch nachgewiesene Tendenz, nach einem Gespräch zu unterschätzen, wie sehr man der anderen Person gefallen hat. Beschrieben 2018 von Erica Boothby, Gus Cooney, Gillian Sandstrom und Margaret Clark in Psychological Science.

Warum denkt man nach einem guten Gespräch trotzdem, komisch gewirkt zu haben?

Weil man sich während des Gesprächs auf die eigene innere, oft kritische Bewertung konzentriert, während das Gegenüber einen nach dem sichtbaren Verhalten beurteilt, zwei unterschiedliche Maßstäbe, die selten übereinstimmen.

Hält die Liking Gap über längere Zeit an?

In der Wohnheim-Studie ja, dort bestand der Effekt fast über das gesamte akademische Jahr, bevor er sich gegen Ende anglich.

Gilt die Liking Gap auch für romantisches Interesse?

Das untersuchten die Studien nicht. Sie beziehen sich auf allgemeines Interesse an einer Person, nicht auf romantische Anziehung.

Was hilft konkret gegen die Liking Gap?

Der eigenen Nachbetrachtung eines Gesprächs grundsätzlich misstrauen und trotz Unsicherheit den nächsten Schritt machen, etwa ein weiteres Treffen vorschlagen.

Zum Schluss

Wer nach einem Gespräch grübelt, ob es gut ankam, sitzt der Forschung zufolge meist einem Wahrnehmungsfehler auf, nicht einer zutreffenden Einschätzung. Der zweite Schritt nach einem als angenehm empfundenen Gespräch lohnt sich häufiger, als das eigene Bauchgefühl direkt danach nahelegt.

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Quellen
Boothby, E. J., Cooney, G., Sandstrom, G. M., & Clark, M. S. (2018). The liking gap in conversations: Do people like us more than we think? Psychological Science, 29(11), 1742–1756.

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