Good Vibes only? - Was ist das eigentlich, toxische Positivität?

Denk doch einfach mal positiv! Dann geht es dir auch gleich viel besser. Oder nicht?

Jein. Eine positive Grundstimmung und Lebenseinstellung hilft Studien zufolge dabei, dich schneller von Krisen zu erholen. Sie mindert ebenfalls das Risiko an einer Depression zu erkranken. Wenn du aber unangenehmen Gefühlen keinen Raum mehr lässt, dann kann sich das ganze negativ auf deine psychische Gesundheit auswirken. Ab diesem Punkt spricht man von toxischer Positivität.

Toxische Positivität – Was ist das eigentlich?

Der Begriff Toxic Positivity ist im englischsprachigen Raum verbreiteter als in Deutschland. Die genaue Übersetzung lautet: toxische Positivität. Von toxischer Positivität spricht man, wenn der Fokus ausschließlich auf dem Positiven liegt. Negative Gefühle werden sowohl bei sich selbst als auch bei anderen beinahe komplett ausgeblendet und finden keinen Raum mehr. In den Trends der Sozialen Medien setzt sich seit einiger Zeit sich vor allem eine Botschaft durch: Good Vibes only – Wenn Vibes, dann bitte nur positiv.

Durch eine reine Oberflächlichkeit wird aus Optimismus, Positivität oder Selbstoptimierung ein toxischer Kreislauf. Wir sind inzwischen so sehr daran gewöhnt, Dinge und Menschen oberflächlich zu betrachten. Das beste Beispiel dafür sind wohl zahlreiche Dating Apps und Plattformen wie Instagram und Co. Hier zeigt sich jeder am liebsten von seiner besten Seite. Wer will sich in der Welt der Sozialen Medien schon mit Problemen und negativen Gedanken befassen – davor flüchtet man ja allzu oft beim Griff zum Smartphone.

Natürlich ist eine optimistische Lebenseinstellung nicht per se schädlich. Ganz im Gegenteil: Studien zeigen, dass sich Menschen mit einem positiven Mindset schneller von Krisen erholen, seltener depressiv werden und länger leben. Und seien wir mal ehrlich. Wir fühlen uns einfach besser, wenn wir Gefühle wie Freude empfinden. Oder?

Was ist dann das Problem?

Die Professorin Michaela Brohm-Badry setzt sich sehr viel mit Positivität auseinander. Sie gilt als eine der renommiertesten Wissenschaftlerinnen für Positive Psychologie und ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung.

„Das ist einer der größten Mythen, die uns begegnet: Je mehr Positives, desto besser (…) Aber wir gehen auch in der Positiven Psychologie davon aus, dass Menschen neben den positiven auch negative Gefühle zulassen sollten.“, so Brohm-Bardy.

Dass es Menschen mit einer positiven Lebenseinstellung besser geht, bestätigt auch sie. Dennoch ist es nicht ratsam negativen Gefühlen gar keinen Raum mehr zu lassen. 

„Wenn man alles, was negativ ist, verdrängt, wird man taub gegenüber seinen Emotionen – auch gegenüber den positiven. Weil wir ein Stück von uns selbst, von unserem tatsächlichen Empfinden abschneiden.“

Im Grunde nehmen wir auch unseren Gegenüber nicht mehr als Person wahr, wenn wir ihm negative Gefühle absprechen. Wir akzeptieren den anderen  Menschen nicht mit vollen Gefühlsskala, sondern erwarten, dass die Person ebenfalls die ganze Zeit „gut drauf“ ist. Diese Auffassung ist einer tatsächlichen Verbundenheit, die mit der vollständigen Annahme des anderen Menschen einhergeht, nicht förderlich und womöglich eher zum Scheitern verurteilt.

Ist gut gemeint immer gut?

Wohl eher nicht. Auch wenn die Intention hinter solchen Ratschlägen in aller Regel gut ist. Vielen Menschen fällt es schwer, sich mit negativen Gedanken auseinanderzusetzen. 

„Die Auseinandersetzung mit Negativität, Schmerz, Krankheit, Leid schwächt die Psyche“, sagt Brohm-Badry. „Ich kann mir vorstellen, dass das in Krisenzeiten eine Abwehrreaktion ist, um sich nicht noch zusätzlich zu belasten.“

Dafür braucht ein starkes Selbstwert- und Selbstwirksamkeitsgefühl und ein sicheres soziales Netz.

Gib deinen Gefühlen Raum – allen.

Die Grundlagen für eine falsche bzw. toxische Positivität werden oftmals bereits in der Kindheit gelegt. Dennoch sind sie im Erwachsenalter durchaus formbar.

„Aus motivationstheoretischer Sicht stärkt man sich selbst sehr, indem man sich Ziele setzt, die man dann auch tatsächlich erreicht“, sagt Brohm-Badry. „Also wer sich selbst immer wieder von seiner Wirksamkeit überzeugt, indem er eine Sache anfängt, dranbleibt und auch wirklich abschließt, der macht sich stark für schlechte Zeiten.“

Achte mal darauf. Gestehst du deinem Mitmenschen auch seine negativen Gefühle zu? Statt einem gut gemeinten Ratschlag braucht dein Gegenüber vielleicht gerade ein offenes Ohr oder eine Umarmung viel dringender. Wichtig ist es offen und ehrlich zu sein. Auch zu sich selbst. 

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